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Erregung
Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif
... sie nicht einmal hassen konnte ohne mich zugleich zu demütigen, und ich wollte sie so, gerade deshalb, gerade weil sie mir den Korb gegeben hatte, diesen einen Satz, diesen vernichtenden, halb gesagten, halb hingeatmeten Satz, nach einem Konzert, ich hatte sie begleitet, höflich, galant, einen Abend lang mein Bestes gegeben, mein absolut Bestes, und sie drehte sich am Ende zu mir, sah mich an, ohne Spott, aber mit dieser... dieser... Unberührbarkeit, mit dieser von innen heraus gewachsenen Überlegenheit, und sagte: „Sie sind sehr... aufdringlich im Inneren." Im Inneren. Was für ein Satz. Was für ein Gift. Und ich ging. Ich ging sofort. Und ich kam nie wieder. Aber ich blieb ihr verfallen. Ich verachtete mich für diese Sucht, für diese Sucht nach einer Frau, die mich nicht wollte, die mich nie gewollt hatte, nie gewollt hätte, und ich wusste, dass sie nie mit jemandem geschlafen hatte, das wusste man, man hörte es, man sah es, sie trug ihre Jungfräulichkeit wie ein Orden, aber nicht stolz, nicht moralisch, sondern wie eine Waffe, wie eine unsichtbare Waffe, die sie einsetzen konnte, ohne sie jemals gezogen zu haben. Claudia sagte einmal, bei einem dieser Gespräche, die man nicht Gespräche nennen darf, weil sie eigentlich aus Andeutungen bestehen, aus halben Sätzen, aus schiefen Lächeln, Claudia sagte: „Die da - die ist unberührt. Und genau deshalb willst du sie. Weil du nichts kriegen kannst. Und ich war das Gegenteil - ich hab dich genommen, damit ...
... du an sie denkst, wenn du in mir bist." Ich hätte ihr ins Gesicht schlagen können. Ich hätte sie vögeln können, gleich auf dem Küchentisch, um ihr das Wort im Hals zu ersticken. Ich tat nichts. Ich trank meinen Wein. Ich lächelte. Ich war höflich. Wie immer. Aber sie hatte recht. Natürlich hatte sie recht. Ich wollte sie so, wie man etwas will, das einem nie gehören wird, das nicht einmal angreifbar ist, das so weit über einem schwebt, dass man es nur verehren oder vernichten kann. Und ich habe sie nicht vernichtet. Ich habe sie verehrt. In meiner schmutzigen, niederträchtigen, feuchten Art verehrt. Ich stellte mir vor, wie sie sich windet, wie sie endlich nachgibt, wie sie mich an sich zieht, mit denselben Händen, mit denen sie ihre Bücher hält, ihre Notizbücher, ihren Tee. Ich stellte mir vor, wie sie mich bittet, endlich. Wie sie fleht, wie sie zuckt, wie sie kommt. Ich kam. Und jetzt sitzt sie da, noch immer so. Nicht mehr jung. Aber kein bisschen weniger stolz. Kein bisschen weniger giftig. Und ich sitze wieder im Ohrensessel, in diesem verdammten Ohrensessel, wie ein verwitterter König, umgeben von den Geistern all der Frauen, die ich hatte, und gequält von der einen, die ich nicht hatte, nie hatte, nie haben werde, nie. Ich sehe sie an. Sie weiß es. Sie weiß, dass ich sie noch immer will. Oder wollte. Manchmal ist der Konjunktiv der edle Ritter, der einer Ausrede am besten zugute kommen kann. Ich ...