1. Erregung


    Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif

    ... nicht.
    
    Ich schäme mich.
    
    Ich schäme mich nicht.
    
    Ich lächle.
    
    Und da lachen sie.
    
    Alle drei.
    
    Leise.
    
    Kurz.
    
    Hinter den Gläsern.
    
    Hinter ihren Masken.
    
    Ich weiß nicht, worüber.
    
    Aber ich weiß:
    
    es ist über mich.
    
    Ich sitze, ich sitze wie seit Stunden, seit Tagen, seit Jahren, als hätte ich nie etwas anderes getan als gesessen, in diesem Ohrensessel, der nicht nur ein Sessel ist, sondern ein Tribunal, ein Beobachtungsposten, eine Strafbank, eine Folterkammer aus Stoff und Holz, und ich sehe sie, natürlich sehe ich sie, diese drei, diese schrecklichen drei, diese dreifache weibliche Formation, diese lächelnde Konstellation aus Vergangenheit, Gegenwart und dem, was man Zukunft nennen könnte, wenn man töricht genug wäre, an Zukunft zu glauben, Claudia, die ewig ironische, die ewig wissende, die ewig verfügbare, solange man es nicht zu direkt meint, solange man sich durch Anspielungen windet wie durch Dornen, Claudia, die mich genommen hat, nicht weil sie mich wollte, sondern weil sie die andere nicht bekommen hat, die andere, diese Unnahbare, diese Unberührbare, die nie etwas mit mir hatte und trotzdem alles mit mir gemacht hat, indem sie mir nichts gegeben hat, nichts gesagt, nichts versprochen, nichts berührt, und doch: alles war da, alles war immer da, die Verachtung, die Überlegenheit, dieses verdammte Halblächeln, das mich seit Jahrzehnten verfolgt wie ein Gespenst mit Lippenstift, und jetzt steht sie wieder da, steht mit Claudia, spricht mit ...
    ... Claudia, oder nein, sie spricht nicht, sie hört zu, oder tut so, oder schweigt überlegen, dieses Schweigen, das schlimmer ist als jedes Urteil, und daneben - daneben steht sie, diese Tochter, diese Beates-Tochter, die nicht Beate ist, aber Beate in sich trägt, diese Mischung aus Neugier und Ahnungslosigkeit, aus Frische und Vorwurf, sie steht da wie ein Fragezeichen mit Brüsten, mit Lippen, mit Blicken, die zu lang sind für Unschuld, aber zu kurz für Gewissheit, und sie sehen mich an, alle drei sehen mich an, nacheinander, gleichzeitig, versetzt, absichtlich unabsichtlich, beiläufig gezielt, diese Blicke, die wie Nadeln kommen, nicht wie Dolche, das wäre zu heroisch, nein, wie Nadeln, wie kleine Stiche ins Fleisch, immer wieder, ins gleiche Areal, bis man nicht mehr spürt, ob es noch Haut ist oder schon Scham, ich weiß nicht, was sie sagen, ich will es nicht wissen, ich weiß es ohnehin, sie sagen alles, was man nicht sagen darf, sie sagen: der da, der saß mit Beate am Küchentisch, der hat sie genommen zwischen zwei Bissen Risotto, der hat sie auf den Fliesen gefickt, weil das Parkett zu laut war und sie sich einen Schiefer in den Hintern gevögelt hätte. Er, der hat sie geküsst wie ein Dieb, nicht aus Liebe, sondern aus Notwehr, der da hat alles, was man haben kann, aber nie das, was er wollte, und jetzt will er die Tochter, natürlich will er die Tochter, was soll er sonst wollen, sich selbst doch nicht, sich selbst kann er nicht mehr wollen, er ist ja nicht blind, nur dumm, nicht ...
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