1. Erregung


    Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif

    ... Und das war schlimmer als jede Lüge. Denn vielleicht hieß sie ja wirklich so. Vielleicht hatte Beate sie wirklich so genannt. Vielleicht aus Trotz. Vielleicht aus Bewunderung. Vielleicht, weil sie die Warnung in den Augen ihrer Tochter schon sah, bevor sie sprechen konnte. Vielleicht, weil Beate sich selbst für Kassandra hielt, immer schon, immer wieder, nie gehört, nie verstanden, nie geglaubt. Und dann dieses Kind, das wie eine Drohung aus ihr wuchs, und das nichts anderes sein durfte als das, was sie nie hatte sein dürfen: eine Prophetin, eine Warnerin, eine Verlorene.
    
    Und dann wieder dachte ich: Natürlich lügt sie. Natürlich heißt sie nicht so. Niemand heißt so. Und schon gar nicht in dieser Umgebung, nicht in diesem Wohnzimmer, nicht zwischen diesen Teppichen und Weingläsern und den zu groß geratenen Reproduktionen von Klimt und Schiele, nicht mit diesem Kleid, nicht mit diesem Blick. Und ich fragte mich: Ist das ein Spiel? Ist das ein Test? Soll ich ihr glauben, obwohl ich es nicht kann? Oder soll ich ihr nicht glauben, obwohl sie es doch sagt? Und ich erinnerte mich an das eine Mal, das eine verschwommene Mal, als sie flüsterte: „Sag meinen Namen." Und ich sagte: „Kassandra." Und sie schüttelte den Kopf. Kaum merklich. Kaum sichtbar. Aber ich sah es. Ich sah es genau. Und sie lachte. Nur mit einem Mundwinkel. Und das war schlimmer als alles.
    
    Ich dachte an die echte Kassandra. An Troja. An den Untergang. An das Wissen, das keiner hören will. An den Körper, der ...
    ... geopfert wird, weil er spricht. Ich dachte daran, dass Apollon ihr die Gabe der Weissagung schenkte, aber sie verfluchte, weil sie nicht von ihm verführt und entjungfert werden wollte - niemand würde ihren Worten glauben, niemals. Ich dachte daran, wie sie nach dem Fall Trojas nicht getötet wurde wie die anderen, sondern verschleppt, als Beute, von Agamemnon, König der Sieger, zurück nach Griechenland. Und dass sie es wusste, dass sie wusste, was dort auf sie wartete. Der Palast in Mykene. Die Frau. Klytämnestra. Der Dolch, die Axt, das Bad, das Blut. Und dass Kassandra es dennoch tat, dennoch hineinging, sich dennoch ergab. Und dass sie dort starb. Mit dem Mann, der sie mitnahm. Nicht aus Liebe. Aus Macht. Aus Tragik. Aus der Logik des Schicksals.
    
    Und ich fragte mich, ob Beate das gewusst hatte. Ob sie sie so gemacht hatte. Oder ob sie sich selbst so gemacht hatte. Ob sie wirklich Kassandra hieß. Oder ob sie nur so hieß, wenn sie nackt war. Und ich beschloss: Ja. Sie heißt nur dann so. Wenn sie nackt ist. Wenn sie lügt. Wenn sie flüstert. Wenn sie verlangt. Wenn sie kommt. Wenn sie geht. Dann heißt sie Kassandra. Und sonst: ganz anders.
    
    Beate hatte manchmal gesagt, im Scherz, im Halbscherz, im Rausch vielleicht, vielleicht auch nur in der Müdigkeit nach dem Ficken, hatte sie gesagt: "Vielleicht ist sie ja deine. Vielleicht ist Kassandra dein Kind." Und ich hatte gelacht. Laut gelacht. Gespielt empört. Gespielt belustigt. Aber es war da. Es war ausgesprochen. Und es blieb. ...
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