1. Erregung


    Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif

    ... ein Bekenntnis, aber Gomorrha, Gomorrha, das bleibt unausgesprochen, das bleibt das, was man nicht denkt, weil es vielleicht das ist, was man tut.
    
    Ich dachte an Pasolini, ich dachte an seine 120 Tage von Sodom, ich dachte daran, wie dieser Film nicht einfach ein Film ist, sondern ein Protokoll der Hoffnungslosigkeit, der sadistischen Macht, des stumpfen Begehrens, das nichts mit Lust zu tun hat, nichts mit Erotik, sondern nur mit Ordnung, mit System, mit Gehorsam, mit der Mechanik der Zerstörung, und ich dachte an die Szene mit dem Teller, mit dem Mund, mit dem Befehl, und wie sie gehorchten, nicht aus Angst, sondern weil die Struktur des Raumes, der Sprache, der Rolle sie zum Gehorchen zwang, weil es keine Außenwelt mehr gab, keine Zuschauer, keine Einrede, nur die Spirale aus Befehl und Ausführung, und ich dachte, natürlich dachte ich an Sodom, aber warum, fragte ich mich, warum immer Sodom, warum nie Gomorrha, was war mit Gomorrha, was geschah in Gomorrha, ich wusste es nicht mehr, nicht genau, ich erinnerte mich nur vage, eine Geschichte mit Feuer, mit Schwefel, mit Untergang, mit Rauch, mit einer Frau, die sich umdrehte, eine Frau, die zu Salz wurde, weil sie zurücksah, zurück zu dem, was sie verliess, weil sie nicht loslassen konnte, oder nicht wollte, oder weil sie noch ein einziges Mal sehen wollte, was da untergeht, was verbrennt, was gerichtet wird, und ich dachte: ist das nicht ich, bin ich nicht der, der zurücksieht, immer zurücksieht, der nicht loslässt, der ...
    ... nicht geht, der sich umdreht, in jedem Gedanken, in jedem Blick, und sich dann wundert, dass etwas in ihm erstarrt, zu Salz wird, zu Stein wird, zurückbleibt, obwohl der Körper längst weiter ist?
    
    Ich dachte an Lot, ich dachte an seine Gäste, die Engel, ich dachte an das Klagegeschrei, das Gott zu Ohren kam, das große Klagegeschrei über Sodom, das so groß war, dass er zwei Boten schickte, zwei Prüfer, zwei stille Zeugen, und ich dachte an die Nacht, in der Lot die Engel aufnahm, in der er ihnen Schutz bot, Gastfreundschaft, diesen letzten Akt der Menschlichkeit, und wie die Männer der Stadt kamen, und forderten, nicht baten, nicht lockten, sondern forderten: Gib uns die Fremden, gib uns deine Gäste, wir wollen sie, wir wollen mit ihnen schlafen, sie besitzen, benutzen, vergewaltigen, und ich dachte an Lots Antwort, diese groteske Antwort, die keine Antwort ist, sondern eine Kapitulation: Nehmt meine Töchter, sie sind jungfräulich, sie gehören mir, sie sind unberührt, ihr dürft sie haben, nur lasst die Männer in Ruhe, die unter meinem Dach sind, und ich dachte: Was ist das für ein Vater, was ist das für ein Mensch, der seine Töchter gibt, um das Fremde zu schützen, oder das Heilige, oder das, was sich nie retten lässt?
    
    Und ich dachte, Beate wäre nie wie Lots Frau gewesen, Beate hätte nicht zurückgesehen, oder doch, sie hätte zurückgesehen, aber nicht aus Reue, nicht aus Angst, sondern aus Trotz, aus einer stillen Form von Verachtung, und sie wäre zu Salz geworden, aber ...
«12...585960...71»