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Erregung
Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif
... nicht zu einer warnenden Säule, sondern zu einem Denkmal, zu einem Fingerzeig, der sagt: Seht her, das wollt ihr retten? Das habt ihr zerstört. Und ich fragte mich, ob ich der Engel war oder der Bewohner der Stadt, ob ich gekommen war, um zu retten, oder um zu fordern, ob ich der war, der Gäste schützt, oder der, der Einlass verlangt. Und ich dachte an ihre Tochter, an diese Tochter ohne Namen, ich fragte mich, ist sie denn meine Tochter? Nein, sie ist nicht meine Tochter, aber ich dachte es manchmal, weil sie so blickt, wie ich einmal geblickt habe, weil sie schweigt, wie ich einmal geschwiegen habe, weil sie sich nicht wehrt, aber auch nichts preisgibt, und ich dachte, wenn ich sie zurückhalte, wenn ich sie mitnehme, wenn ich sie beschütze, tue ich das aus Angst oder aus Schuld? Ist das dann meine Schuld oder die von Beate, und was ist mit Claudia, und ich fragte mich, wenn ich Claudia geschlagen habe, auf ihren Wunsch, wenn ich sie Justine nennen musste, wenn ich sie fesselte an den Handtuchtrockner, war das Sodom, oder war das Gomorrha? War das die Stadt, in der alles männlich war, oder die, in der die Frauen schweigen, weil das Feuer von innen kommt? Ich erinnerte mich an die Bibel, an den Morgen, an dem Lot in den Bergen stand und zurücksah auf Sodom, auf das, was brannte, was sich verwandelte, in Rauch, in Staub, in Erinnerung, und ich fragte mich, was ich sehe, wenn ich zurückblickte, sehe ich Beate, sehe ich Claudia, sehe ich ihre Tochter, sehe ich mich, ...
... sehe ich die Salzsäule, sehe ich den Punkt, an dem ich hätte weitergehen müssen, aber nicht konnte, sehe ich die Flucht, die keine war, oder die Stadt, die nicht unterging, sondern weiterlebt, in mir, in diesem Haus, in diesem Zimmer, in diesem Geruch, in diesem Flur? Ich fragte mich, ob ich betrunken war wie Lot, als seine Töchter ihn zum Vater ihrer Kinder machten, ob ich vernebelt war, ob ich geträumt hatte, ob ich zu lange geschwiegen hatte, ob ich zu oft geschaut hatte, und ob es jetzt, da ich alles gesehen hatte, überhaupt noch einen Ort gab, an dem ich nicht brannte. Ich erinnere mich an das eine Mal, das eine tiefe, lächerlich verlangende Mal, an dem sie sagte, sie wolle es dort. Sie wolle es von hinten, aber nicht einfach nur so, nicht gewöhnlich, nicht wie Frauen es manchmal sagen, sondern mit einer Stimme, die ein Tor meinte, das lange verschlossen war. Ich wusste sofort, welches Tor sie meinte. Sodoms Tor. Das Tor, das wir beide schon in Gedanken durchschritten hatten, längst, mehrfach, aber nie so, nie in dieser Konzentration, nie mit dieser präzisen Ernsthaftigkeit. Sie hatte sich leicht vorgebeugt, nackt, weich, fordernd, das Licht fiel flach auf ihren Rücken, und ich wusste, dass sie sich nicht bot, sondern öffnete. Nicht für mich. Nicht nur. Für etwas, das in ihr loderte, ein altes Bild, ein alter Wunsch, eine alte Angst. Ich zögerte, natürlich zögerte ich. Wer zögert nicht vor dieser Art von Eingang? Wer spürt nicht den Mythos, den Tabubruch, das ...