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Erregung
Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif
... der Letzte, der es wagte, sie so zu nennen, und sie hatte diesen Namen längst abgelegt, längst abgelegt und mir noch einmal angeboten, aus Mitleid, aus Neugier, aus Nostalgie, ich fragte mich das, während ich allein war, während ich im Flur stand, während ich ihre Tücher aufhob, die sich langsam vom Handtuchtrockner lösten, wie Spuren einer Vorstellung, die vorbei war, ich fragte mich das, während ich ihre Stimme noch hörte, diese ruhige Stimme, die sagte:„Du sollst mich schlagen", ich hörte sie, immer wieder, wie ein Echo im Badezimmer, in den Fliesen, in den Stäben des Heizkörpers, und ich fragte mich, ob jemand anderes das auch gehört hatte, früher, später, zur gleichen Zeit, ob sie es noch einmal sagte, irgendwann, irgendwo,„Du sollst mich schlagen", nicht zu mir, sondern zu ihm, zu irgendwem, und ich fragte mich, was es bedeutete, wenn man glaubt, der Einzige zu sein, und plötzlich merkt, man war nur der Letzte. Ich sah sie wieder, nicht wirklich, nicht mit den Augen, wie man jemanden sieht, wenn man einen Raum betritt, wenn man gegrüßt wird, wenn man ein Glas reicht, ich sah sie anders, ich sah sie nicht, ich erinnerte sie nicht, ich träumte sie nicht, ich dachte sie nicht, ich war einfach wieder bei ihr, nicht wissend, wie ich dorthin kam, nicht wissend, ob ich sie gerade gesehen hatte, in der Küche vielleicht, wie sie sich eine Zigarette anzündete, wie sie in den Hof hinausblickte, mit halb geschlossenen Lidern, mit dem Profil der Mutter, mit den Fingern von ...
... Claudia, oder ob sie mir erschienen war, in Gedanken, in der Müdigkeit nach Claudia, nach Justine, nach der Frau, die sich fesseln ließ und sagte:„Du sollst mich schlagen", nach dem Schlag, nach der Stille, nach dem Kommen, das mehr Fragen brachte als Antwort, war ich plötzlich wieder bei ihr, bei der Tochter, bei der namenlosen Tochter, deren Name mir immer noch fehlte, vielleicht weil sie nie genannt werden wollte, vielleicht weil kein Name stimmte, keiner passen konnte, vielleicht weil sie ein Spiegel war, ein Zwischenwesen, etwas, das aufgetaucht war aus dem Leib der Vergangenheit, aus Beate, aus Claudia, aus all den Frauen, die nicht mehr da waren oder nie ganz da gewesen waren, und jetzt war sie da, oder nicht da, ich wusste es nicht, ich wusste nur, dass sie vor mir stand, stand oder lag, oder sich beugte, ich wusste nur, dass ich wieder diesen Blick spürte, diesen halb fragenden, halb anklagenden Blick, diesen Blick, der alles wusste, oder so tat, als wisse er alles, ohne je etwas zu sagen, diesen Blick, der mich aufforderte, mich anzusehen, ohne zu wissen, ob ich es aushalten würde. War sie dort? War sie wirklich dort? Oder sah ich sie, weil ich sie sehen wollte, weil ich nach dem, was mit Claudia geschehen war, nicht allein sein konnte, nicht leer sein konnte, weil ich noch gefüllt war, weil mein Körper noch summte, weil meine Hände noch die Seide rochen, weil ich mich fragte, ob sie auch gefesselt werden wollte, die Tochter, ob sie es schon einmal war, ...