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Erregung
Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif
... ihn nie fragte, weil wir uns nie offiziell begegnet waren, weil alles, was geschah, geschehen war, bevor man sich vorgestellt hatte, ich fragte mich also, was sie wussten, nicht was sie vermuteten, was sie wussten, ob sie Claudia kannten, diese Claudia, diese Justine, ob sie wussten, dass sie das wollte, dass sie das nicht nur zuließ, sondern forderte, dass sie sich fesseln ließ, dass sie geschlagen werden wollte, dass sie sich mir mit einem Wort unterwarf, mit einem Namen, nicht mit ihrem, sondern mit einem anderen, mitJustine, diesem Wort, das eine ganze Welt aufreißt, das einen Roman ersetzt, das einen Abgrund benennt, der sonst unaussprechlich bleibt, ich fragte mich also, was Beate wusste, was die Tochter wusste, was andere Männer wussten, ob ich der Einzige war, der diesen Namen gehört hatte, diesen Namen aus ihrem Mund, diesen Namen auf ihren Lippen, während sie gefesselt war, während sie in sich ruhte, während sie das Licht aus dem Fenster ignorierte, während sie nur meine Hand spürte, meine Stimme, ob ich der Einzige war oder nur der Letzte, der Letzte in einer Reihe von Männern, die glaubten, sie sei nur mit ihnen Justine, die glaubten, sie hätten etwas entdeckt, etwas Geheimnisvolles, dabei war es längst bekannt, längst ausprobiert, längst perfektioniert, ich fragte mich, ob ich ein Glied war, in dieser Kette, oder nur ein Nachklang, ein Echo, ein Nachahmer, ich fragte mich, ob ich sie wiederholt hatte, oder ob ich sie wirklich erlebt hatte, erlebt, nicht nur ...
... ausgeführt, sondernverstanden, ob sie es mir zeigte, weil ich es verstand, oder weil ich nichts begriff, ich fragte mich, ob sie mir dieses Spiel erlaubte, weil ich schwach genug war, es zu glauben, und nicht stark genug, es zu durchschauen, ich fragte mich, was sie gesagt hatte, nachher, zu sich selbst, zu jemand anderem, zu Beate vielleicht, falls sie damals noch lebte, oder zur Tochter, zur namenlosen Tochter, die nichts sagte, aber alles sah, ich fragte mich, ob sie Justine war, nur für mich, oder für viele, vielleicht für jeden, der es wollte, der nur den Mut hatte, das Wort zu sagen, den Namen, den Knoten, die Geste, ich fragte mich, ob diese ganze Perversion, diese halbe Perversion, wie ich sie nannte, dieses Spiel mit Seidenschals, mit flacher Hand, mit rituellem Schweigen, ob sie das erfunden hatte oder übernommen, ob sie es einmal gesehen hatte, bei jemand anderem, bei Beate vielleicht, oder in einem Buch, nicht bei de Sade selbst, sondern bei einem, der de Sade paraphrasiert hatte, ohne seine Konsequenz, ob sie das alles war, Justine, oder ob Justine eine Rolle war, eine Figur, eine Maske, und was unter der Maske war, wusste ich nicht, konnte ich nicht wissen, durfte ich nicht wissen, und wollte ich es wissen, wirklich, wollte ich es wissen, ob ich nur ein Spieler war, ein Gehilfe, ein Statist in ihrem inneren Theater, das sie seit Jahren spielt, vielleicht Jahrzehnten, vielleicht schon vor Beate, vielleicht war sie Justine, bevor Beate geboren war, vielleicht war ich ...