1. Erregung


    Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif

    ... Glas in der Hand, aber ohne den Blick, der zu einem Verstorbenen gehört, ohne diese Schwere, diese Müdigkeit, dieses Schleppen der Schultern, das wir alle hatten, sie waren aufrecht, hell in der Haltung, dunkel im Kleid, ja, sie trugen Schwarz, natürlich trugen sie Schwarz, das musste sein, das gehörte sich, aber nicht dieses Schwarz, nicht dieser Stoff, nicht dieser Schnitt, sie trugen Röcke, enge, zu enge Röcke, Röcke, die man nicht auf einer Beerdigung trägt, es sei denn, man weiß, dass man nicht gekommen ist, um zu trauern, sondern um zu sehen, zu hören, zu prüfen, zu beobachten.
    
    Und ich begann sie zu beobachten, zuerst flüchtig, dann immer öfter, ich sah, wie sie mit einzelnen Gästen sprachen, nie lang, nie aufdringlich, immer so, als würden sie nur eine beiläufige Bemerkung machen, ein Kompliment zur Bluse, eine Nachfrage zum Verstorbenen, eine falsche Erinnerung, die korrigiert werden musste, ein Name, der ihnen angeblich entfallen war, ich sah sie, wie sie sich bewegten, mit kleinen Schritten, fast taktisch, von Gruppe zu Gruppe, nie zusammen, immer getrennt, aber doch wie zwei, die sich kennen, die sich abstimmen, ohne zu sprechen, mit einem Blick, einem Nicken, einer Verschiebung der Schulter, sie waren jung, nicht zu jung, aber zu jung für die Art, wie sie sich hielten, die eine hatte ihr Haar offen, kastanienbraun, lang, weich über die Schulter fallend, aber zu perfekt, zu unberührt vom Wind, von der Luft, von der Atmosphäre des Todes, sie stand da, wie eine ...
    ... Schauspielerin, die sich in eine Beerdigung eingeschlichen hat, die andere hatte kurze Haare, glatt, streng, mit einer Brille, die keine Sehschwäche andeutete, sondern Analyse, sie trug schwarze Pumps, und sie klackten, sie klackten zu laut auf dem Steinboden des Vorraums, jedes Mal, wenn sie ging, dachte ich, das ist keine Trauer, das ist ein Takt.
    
    Und dann, nach und nach, fiel mir auf, dass sie immer öfter in meine Richtung blickten.
    
    Nicht direkt.
    
    Nie direkt.
    
    Aber schräg.
    
    Über Schultern hinweg.
    
    An anderen Gesichtern vorbei.
    
    Sie taten, als hörten sie zu.
    
    Aber sie schauten mich an.
    
    Sie taten, als lächelten sie einem alten Freund zu.
    
    Aber ihre Lippen bewegten sich nicht.
    
    Ich begann zu schwitzen, nicht aus Angst, nicht aus Schuld, ich hatte ja nichts getan, nichts Unrechtes, nichts, was verboten war, alles, was geschehen war, war geschehen im Einvernehmen, im Einverständnis, im Schweigen der Lust, im Schutz der Nacht, aber doch fühlte ich es, dieses Bohren, dieses Scannen, diesen Blick, der durch die Kleidung ging, durch den Körper, durch das Gesicht hindurch, bis ins Innerste, wo ich mich selbst nicht mehr erkannte.
    
    Und ich fragte mich, ob sie wussten, ob sie wussten von Beate, von ihrer Art zu sterben, ob sie mehr wussten, als ich wusste, ob sie etwas vermuteten, etwas suchten, etwas prüften, ob sie wussten, dass ich ihr nah war, dass ich Claudia kannte, dass ich mit der Tochter sprach, zu viel sprach, dass ich Dinge wusste, die andere nicht ...
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