1. Erregung


    Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif

    ... wussten, und dass ich Dinge getan hatte, die man, wenn man sie falsch erzählt, anders nennt, dass ich Claudia gefesselt hatte, an einem Handtuchtrockner, an einem Gerät, das auch ein Galgen sein konnte, dass ich sie geschlagen hatte, mit ihrer Bitte, mit ihrem Wunsch, mit ihrer Stimme, die sagte:Justine, ob sie das wussten, ob sie es mir ansahen, ob sie es lasen in meinem Gang, in meinem Glas, in meiner Stimme.
    
    Und ich fragte mich, ob sie wirklich Polizistinnen waren.
    
    Oder etwas anderes.
    
    Etwas Drittes.
    
    Etwas, das zwischen Kontrolle und Versuchung liegt.
    
    Denn sie waren zu schön.
    
    Sie waren zu präsent.
    
    Sie standen zu oft im Gegenlicht.
    
    Ihre Röcke waren zu eng.
    
    Zu klar.
    
    Zu betont über der Hüfte.
    
    Ihre Lippen zu glänzend.
    
    Ihre Bewegungen zu weich.
    
    Sie waren keine Männer in Zivil.
    
    Alleine deswegen schon, weil sie ja Frauen waren - ich hätte nun schallend lachen können, aber der Witz erstarb mir auf den Lippen. War gar kein Witz gewesen. Eher eine Floskel. Wer kenn schon weibliche Kommissarinnen - außer im Tatort, den ich aber mangels Televisor nicht zu konsumieren pflege.
    
    „Verführt's mir den dicken Kommissär, Mädels, aber nehmt kein Geld" - der Klassiker aus dem Regine Riehl Prozess vor gut 120 Jahren, dem Skandal von Wien, süffisant in die Fackel gebracht von Karl Kraus und literarisch bestens eingebettet in den Goldenen Skarabäus von Else Jerusalem... aber wer kannte denn das schon, beschäftigte sich damit heute, wenn nicht die ...
    ... Literaten selbst. So oder ähnlich, so kamen sie mir vor, natürlich gänzlich anders, nicht als dicker Kommissar, der sich bestechen ließ, aber dennoch angehaucht aus dieser Richtung her. Nicht männlich dicker Singular sondern weiblich attraktiver Plural außerdem.
    
    Sie waren Erscheinungen.
    
    Vielleicht waren sie gar nicht da.
    
    Vielleicht waren sie ein Gedanke, der mich bewegte. Ein Funke eines schlechten Gewissens in mir, der zum Flächenbrand sich aufgetürmt hatte, weil eine der Bekanntschaften eben eine Fackel entzündet und dann geworfen hatte.
    
    Ein Spiegel. Eine Ahnung. Aber sie bewegten sich, immer näher, in meine Richtung. Und ich wusste nicht, ob ich befragt, verführt oder verhaftet werden würde.
    
    Und mehr noch - ich konnte es nicht lassen, den Gedanken in meiner eigenen Perversion weiter zu spinnen, zu drehen und wenden, vom Realen ins Irreale zu verdrehen und literarisch zu fiktieren. Fiktion - ja, nicht mit „ck" geschrieben... ein alter Witz, wohl schon mit dem Barte des Methusalems mittlerweile. Rein fiktiv, als Annahme, während die Unmöglichkeit in mir ein „fick tief" einflüsterte, das nur noch stellvertretend für meinen sich entartenden Zustand zu gelten hatte.
    
    Aber ich konnte diese meine Gedanken nicht mehr bremsen, nicht mehr zügeln und hemmen: Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein - wie wahr doch dies wahr, im wahrsten Sinn des Wortes ...
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