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Anastasia Serinskaya - Die Agentin Teil 1
Datum: 19.05.2026, Kategorien: Romantisch
... zu verbieten. Vor allem in diesen Zeiten traut sich keiner, den Mund aufzumachen. "Mach´s gut", meint er lächelnd. "Mach du es besser", grinse ich. Dann gebe ich dem Mann zum Abschied einen Kuss auf die Wange. Bevor er mich packen und meinen Kopf wieder zu sich ziehen kann, um mich auf den Mund zu küssen, entwinde ich mich ihm geschickt und mit einem unschuldigen Lächeln auf den Lippen steige ich aus. "Schade!", höre ich ihn noch sagen. "So ist es besser", antworte ich. "Glaube mir!" Dann werfe ich die Wagentür zu und mache mich auf und betrete wenig später das Bahnhofsgebäude. Dort schaue ich mich zunächst um. Als ich dabei noch einmal zur Eingangstür hinausblicke, sehe ich, dass der Wagen noch dort steht und der Kommandant mir immer noch hinterherschaut. Dann aber gehe ich weiter und studiere den Fahrplan. In einer Stunde fährt ein Zug nach Moskau. Da ich sowieso versuchen muss, meine Spuren zu verwischen und nicht lange warten will, entscheide ich mich dazu, in meine angebliche Heimatstadt zu fahren. Auch wenn ich es nicht glaube, sollte der Mann kontrollieren, wohin ich gefahren bin, passt alles zu meiner Geschichte und ich mache mich nicht verdächtig. Mit mir zufrieden gehe ich zum Fahrkartenschalter und löse eine Karte. Ich fahre nach Moskau. Ich vertreibe mir die Zeit bis zur Abfahrt damit, im Bahnhof zu sitzen und die Leute zu studieren. Ich war vor dem Krieg schon einmal in einer ähnlichen Kleinstadt in Russland. Das war ganz in der Nähe ...
... meiner Heimatstadt, aber ich glaube nicht, dass es in anderen Teilen des Reiches anders war. Damals aber war noch alles ein wenig anders. Die Leute haben mehr miteinander geredet, waren entspannter und fast schon unbekümmert. Nun aber bemerke ich eine deutliche Anspannung. Niemand will länger bleiben als notwendig und keiner hält sich ein wenig länger auf, um zu plaudern. Ich sehe eine Mutter, die mit ihrer kleinen Tochter aus einem Zug steigt und die kleine Hand des Mädchens nimmt, um eilig zum Ausgang zu gelangen. Drei junge Burschen verlassen etwas weiter entfernt einen anderen Zug. Auch sie reden nicht viel. Als sie an mir vorbeikommen, höre ich keinen blöden Spruch oder primitive Anmache. Sie gehen hastig vorbei und bemerken mich kaum. Alle wollen nur schnell weg. Das wäre noch vor einigen Monaten anders gewesen. Um ehrlich zu sein, ist es bei uns nicht anders. Die normalen Leute sind verunsichert. Sie wissen nicht, ob nicht genau in diesem Moment eine Rakete einschlägt und von einer Minute auf die andere alles vorbei ist. Man ist heilfroh, wenn man die Tage unbeschadet übersteht. Langfristige Pläne macht keiner. Ziele in einem Krieg haben wohl nur jene ganz oben, die einfachen Leute wollen einfach nur überleben und halbwegs gut davonzukommen. Lange über die Folgen eines Krieges nachzudenken habe ich allerdings nicht die Zeit und auch keine Lust. Diese Situation haben uns andere eingebrockt und wir können nur versuchen, das Beste daraus zu machen. Einen ...