1. Megan - Unter Palmen


    Datum: 21.09.2026, Kategorien: Transgender,

    Megan -
    
    Unter Palmen
    
    Von Kim K. Kronwald
    
    Prolog
    
    Ich wette, wenn ihr jetzt an „Inselparadies" denkt, seht ihr Palmen, Cocktails mit Papier­schirmchen und solch einen Typen mit Zahnbleaching-Grinsen, der euch frische Ananas aufschneidet.
    
    Schön wär's.
    
    Mein „Paradies" war eine Mischung aus Pinterest-Porn und Mafia­schutzprogramm - nur, dass statt einer tätowierten Sicherheits­truppe meine Tante Ashley den Laden schmiss.
    
    Ashley ... ja, die Frau war im besten Sinne eine Gefahr für den Blutdruck jeder gesunden Lesbe.
    
    Für ihr Alter sah sie unverschämt gut aus. Wobei „Alter" hier eine diplomatische Vokabel ist - mit 33 fühlte sie sich selbst wohl eher wie eine halbfaule Avocado im Bio-Regal: außen straff, innen noch knackig, aber immer mit dem unterschwelligen Gedanken, dass der Tag kommen wird, an dem der erste braune Fleck auftaucht.
    
    Natürlich hätte ich ihr das nie gesagt. Nicht, weil ich feige bin - sondern weil ich überleben wollte. Ashley war die Art Frau, die dich mit einem Augenbrauen­heben so kleinmachen konnte, dass du in einer Espresso­tasse Platz fandest. Gleichzeitig konnte sie dir aber auch mit genau diesem Blick das Gefühl geben, die begehrenswerteste Person im Umkreis von tausend Kilometern zu sein.
    
    Ich - Megan, gerade neunzehn, frisch volljährig und mit einer Biografie, die für drei Netflix-Dramen reichen würde - war für Ashley so etwas wie das inoffizielle Projekt ihres Lebens. Meine Mutter, eine global herumjet­tende ...
    ... Vorstands­vorsitzende mit mehr Geld als Schlaf, war eigentlich nur in meiner Geburtsurkunde präsent. Der Rest meines Lebens - inklusive der kleinen, leicht schmutzigen Details - spielte sich unter Ashleys Aufsicht ab.
    
    Wir lebten auf Mallorca, hoch in den Hügeln der Nordküste, in einer Finca, die so luxuriös war, dass selbst Instagram-Influencer beim Anblick feuchte Augen bekamen.
    
    Stellt euch hohe, weiße Mauern vor, die mediterrane Sonne frisst sich tagsüber hinein, nachts strahlen sie im Mondlicht wie Knochen in der Wüste. Hinter den Mauern: ein Dschungel aus Bougainvilleas, Palmen, Olivenbäumen. Und mittendrin unser Haus - nein, unser Anwesen - mit schlichten, klaren Linien, flachen Dächern und Glasfronten, die den Blick über das Mittelmeer so verschwenderisch freigaben, als hätte Gott persönlich gesagt: „Hier, das Meer - exklusiv für euch."
    
    Es gab mehrere Terrassen. Eine davon nur für den Pool - ein 25-Meter-Ding, tiefblau, mit einem Rand aus schwarzem Lavastein. Wenn man darin lag, hatte man das Gefühl, in den Himmel zu schwimmen. Oder direkt ins Meer. Abends roch es nach Salz und warmem Stein, tagsüber nach Sonnencreme, Chlor und einem sündhaft teuren Jasmin-Duft, den Ashley in Kerzenform bestellt hatte.
    
    Das Personal war eine Mischung aus diskreten Geistern und Personenschützern, die aussahen, als könnten sie wahlweise deinen Drink servieren oder einem Eindringling das Genick brechen. Ich habe nie ganz herausgefunden, ob meine Mutter sie mehr als Hausangestellte oder als ...
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