1. Zyklus der Verführung


    Datum: 05.10.2026, Kategorien: Reif

    ... Sonate war wie ein Liebesakt ohne Wiederkehr. Kein zweites Mal. Nur dieses eine. Und deshalb musste es vollkommen sein. Ihre Brüste, seine Zunge. Ihre Lippen, seine Finger. Ihre Angst, seine Hingabe.
    
    Er tippte die Tasten, als streichelte er ihren Nacken. Ein Triller, als wäre es ihre Zunge, die sich um seine legte. Eine Fermate, weil sie innehielt, bebte, und ihm den Blick schenkte, den nur eine Frau schenkt, die weiß: Jetzt gibt es kein Zurück.
    
    Die Hammerschläge kamen wieder. Aber nicht als Drohung. Als Beweis. Dass Lust und Klang, dass Liebe und Musik denselben Ursprung haben: das pochende Herz. Den Takt. Den unaufhaltsamen Drang, zu geben. Zu nehmen. Sich in den anderen zu pressen wie ein Motiv in den Takt.
    
    Er wollte ihre Knie spüren, wie sie nachgaben. Ihre Hüften, wie sie sich an ihn warfen. Er wollte, dass sie ihn forderte. Nicht mit Worten. Mit ihrem Körper. Dass sie sich öffnete, um ihn aufzunehmen, und zugleich sich gegen ihn stemmte, um ihn zu testen.
    
    Noch immer stand sie nicht da. Aber er wusste, wenn sie kam, dann würde sie die Tür hinter sich schließen. Langsam. Würde die Schuhe ausziehen. Würde an das Klavier treten. Und ihre Finger über das schwarze Holz gleiten lassen. Würde ihn nicht ansehen. Und dann würde sie sagen: "Spiele weiter. Aber berühre mich dabei."
    
    Und er würde es tun.
    
    Mit beiden Händen. Und mit aller Lust.
    
    Hammerschlag, Staccato
    
    Für ihn war der Raum wie leer, egal wie befüllt er war, das feine Rauschen der unterdrückten ...
    ... Stimmen, die Blicke, auf ihn gerichtet, Augenpaare in schierer Unzählbarkeit. Nur die Kerzen warfen ihr unstetes Licht auf das glänzende Schwarz des Flügels. Bösendorfer, den alten, antiken, handgemachten, nicht den japanisch angehauchten: Darauf hatte er beharrt, nicht den üblichen amerikanisierten Steinway, der ein verkappter Steinweg war, der noch zu spielen gewesen wäre, aber wohl im Museum stand. Adrien saß bereits -- den Rücken gerade, die Finger in der Luft schwebend, kurz bevor sie aufsetzten. Doch bevor er die ersten Töne spielte, spürte er es: eine Präsenz. Keine Bewegung, kein Klang -- nur eine Dichte in der Luft, wie das leise Vorspiel einer Berührung, die noch nicht geschah.
    
    Dann setzte er ein.
    
    Ein Hämmern. Kein rohes, gewaltsames, sondern ein klopfendes Staccato, das sich tastend ins Dunkel vorwagt. Wie ein Ruf. Ein Vorschlag. Ein Versprechen. 32tel-Triolen, fast wie ein nervöses Herzklopfen. Dann die Staccato-Achtel -- vier Schläge, wie auf eine verschlossene Tür. Dann der Abstieg. Zwei 16tel hinunter, wie ein Handrücken auf nackter Haut, zuckend, tastend. Die Hammerschläge kamen wieder. Diesmal weicher, cantabile. Wie Lippen, die zum zweiten Mal dieselbe Haut berühren, wissend.
    
    Er dachte an sie. Nicht an ein Gesicht. Nicht an eine Frau, die er kannte. Sondern an das, was sein Spiel hervorrief. Eine Fremde. Eine Silhouette hinter Vorhängen, ein Nacken unter aufgestecktem Haar, ein Blick, der ihn noch nie gesehen hatte, aber alles wusste.
    
    Und er spielte ...
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