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Zyklus der Verführung
Datum: 05.10.2026, Kategorien: Reif
... sie sich in Angst verwandelte? Wenn seine Finger zitterten, wenn ihr Rücken sich krümmte, wenn ihr Schoß pulsierte, dann war Schumann da. Nicht sichtbar -- aber hörbar. Ein inneres Vibrieren zwischen Gnade und Raserei. Liszt aber -- er war Gegenwart. Sein h-Moll brannte noch auf ihrer Haut. Nicht weil er sie geformt hatte, sondern weil seine Musik sie geöffnet hatte. Die Synkopen seines Spiels, die wechselnden Tempi, das Hammerschlagmotiv -- all das war wie ein Echo ihres Körpers. Er, der Mann, der neben ihr lag, war nicht mehr allein. In ihm steckte Liszt, mit all seiner fiebrigen Virtuosität, mit seiner Lust am Klang und seiner Sehnsucht nach Tiefe. Sie erinnerte sich an Debussy, dessen Clair de Lune wie ein seidenes Tuch über ihrer Haut gelegen hatte. Damals, im Park, als sie in Perlen und Seide gestreichelt wurde, das Mondlicht auf nackter Haut. Die Musik war nicht laut gewesen -- aber sie hatte zwischen ihren Schenkeln geleuchtet. Oder Beethovens Pastorale -- das Verspielte, das neckische Verführen im Flur der Garderobe, wo ein geflochtener Zopf sich löste, während Hände wie Pizzicati ihre Hüften fanden. Er war nicht zärtlich -- aber er war rhythmisch. Und sie wusste: Lust hat ihren eigenen Takt. Dann Chopins fis-Moll. Dieses Prélude, das wie ein inneres Zittern war, kaum greifbar. Der Mann damals hatte sie nicht berührt, nicht geküsst. Aber sein Blick hatte sie durchdrungen. Die Narbe an ihrem Handgelenk zuckte, als die Klaviertöne wie Tropfen auf ihrer ...
... Seele landeten. Verletzung und Verlangen waren Zwillinge. Schuberts Impromptu in Es-Dur war wie eine warme Decke. Die Ledereinbände in der Bibliothek, der dunkle Schal der Witwe, das leise, fast zu leise Streicheln ihrer Brust. Alles war in Moll getaucht. Aber kein Moll des Todes, sondern des Erinnerns. Rachmaninows gis-Moll aber war ein Strudel. Die Galeristin mit dem Lippenstift wusste: Diese Musik ist wie ein Orgasmus. Hypnotisch. Fiebrig. Im Aufzug, die Töne noch im Ohr, die Wand im Rücken, das Kleid gehoben. Lust ist nie still. Beethovens Pathétique. Kein Zögern, kein Warten. Nur Druck. Leder. Hitze. Die Garderobe vibrierte, als ihre Rücken aufeinanderschlugen. Er spielte nicht mit ihr. Er spielte sie. Wild. Hart. Und sie: antwortete. Und nun: Liszt. Die Frau im schwarzen Kleid hatte keinen Namen gebraucht. Denn er hatte sie mit seinem Spiel benannt. H-Moll. Abgründig. Episch. Eine Lust, die nicht bittet, sondern nimmt. Sie atmete tief. Noch immer war da das Vibrieren. Noch immer zitterten ihre Lippen. Noch immer war da Musik. Musik wie Lust. Musik wie Leben. Und sie dachte: Jeder dieser Männer hatte geliebt. Hatte gelitten. Hatte komponiert, weil er sonst geplatzt wäre. Und ihre Körper waren die Partituren. Sie war das Crescendo. Der Decrescendo. Der Fermatpunkt in einem zu kurzen Stück. Und sie wusste: Erotik war nie nur Haut. Erotik war Klang. Und mit einem Lächeln senkte sie ihre Stirn an seine. "Spiel weiter", sagte sie leise. "Ich bin nicht ...