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Quarantäne in Kapstadt
Datum: 17.04.2020, Kategorien: 1 auf 1,
... Suizidversuch? Fragen stellen oder einfach nur zuhören? Soll man so tun, als wäre nichts geschehen? Soll man sie keinen Augenblick allein lassen oder ihr Ruhe und Zeit geben? Marie ist anzusehen, dass sie genauso unsicher ist wie ich. Das Quietschen von Bremsen ist zu hören. Marie schaut hinaus und nickt. Wir gehen zur Tür und da klingelt es bereits. Beatrice tritt herein. Sie stellt die kleine Reisetasche ab, zieht Schuhe und Jacke aus. Auf den ersten Blick ist ihr äußerlich nichts anzumerken. Sie scheint überrascht von unserem kleinen Begrüßungskomitee zu sein. Nach einigen kritischen Blicken atmet sie genervt aus. "Es war eine Kurzschlussreaktion. Weder davor noch danach hatte ich jemals den Wunsch, die Dinge vorzeitig zu beenden. Das Gleiche steht übrigens auch im Abschlussbericht, deshalb wurde ich so schnell entlassen. Ihr braucht euch also keine Sorgen machen, ihr müsst mich nicht rund um die Uhr bewachen oder ähnliches. Trotz alledem bin ich sehr froh, dass ihr da seid. Dass ihr unter diesen Umständen so schnell hergeeilt seid, halte ich für ein echtes Zeichen eurer Freundschaft und bin dafür sehr dankbar." Sie umarmt uns beide dementsprechend freundschaftlich, dann fährt sie fort: "Es ist ein Wendepunkt in meinem Leben. Vielleicht trifft es sich ganz gut, dass wir wegen eurer Quarantäne hier für einige Tage feststecken. Ich habe so viele Fragen im Kopf, so viel zum Nachdenken. Wenn ich eine Bitte haben darf: Lasst mir Zeit! Vielleicht möchte ich drei ...
... Tage lang eingesperrt im Zimmer nachdenken. Vielleicht möchte ich aber auch viel mit euch reden. Ich komme auf euch zu, wenn ich etwas brauche." Wir verstehen. Die vorbereitete Mahlzeit verzehrt sie trotzdem mit uns. Es wird ein wenig über Belanglosigkeiten geplaudert, dann verschwindet sie in ihrem Zimmer. Marie schaut mich fragend an, ich kann nur mit den Schultern zucken. Wir räumen auf, ich schnappe mir ein Buch und beginne zu lesen. Einige Stunden später. Es wirkt alles surreal. Der Ausblick auf den Ozean. Die Villa mit den viel zu üppigen Räumlichkeiten und dem dominanten Braunton (ich glaube mahagonibraun), der mich aus allen Ecken und von allen Möbeln zu erdrücken droht. Obwohl Südafrika sich fast in derselben Zeitzone wie Deutschland befindet, kommt meine innere Uhr völlig durcheinander. Es ist erst kurz nach 19 Uhr und ich komme gerade aus der Dusche, als wollte ich gleich ins Bett. Als mir meine Verwirrung klar wird, gehe ich statt meinem Gästezimmer ins Wohnzimmer und starre durch die großen Fenster hinaus. Die Wolken, die tagsüber alles bedeckten, sind verschwunden. Der Himmel ist klar und wird von Minute zu Minute dunkler. Die Küste ist zu weit weg, um Einzelheiten wahrnehmen zu können, so wirkt alles unbeweglich, wie auf einer Postkarte. Ich mache es mir auf dem Sofa bequem, das so riesig ist, dass man sich auch längs fast vollständig ausstrecken könnte. Ich lege meinen Kopf bequem auf die Rückenpolster, während die Sitzfläche an meinen Knien endet, ...