1. Erregung


    Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif

    ... leeres Lachen.
    
    Ein Lachen, das nichts mit Lust zu tun hat, nichts mit Sinnlichkeit, nichts mit dem, was war.
    
    Ein Lachen, das alles auslöscht.
    
    Sogar Sodom.
    
    Sogar Gomorrha.
    
    Es war natürlich ein Leichenschmaus, wie es ihn in diesen Kreisen eben gibt, kultiviert, kontrolliert, geschmackvoll bis zur Geschmacklosigkeit, ein „abschließendes Beisammensein", wie Claudia es nannte, mit Canapés, weißen Orchideen in schlanken Vasen, Mozart in Kammermusikbesetzung und einem einheitlich traurigen Lächeln auf allen Gesichtern, dieses einstudierte Trauerlächeln, das nichts mit wirklicher Trauer zu tun hat, aber alles mit gesellschaftlicher Pflicht, mit der Angst vor Peinlichkeit, mit dem Zwang, sich würdevoll zu benehmen, auch dann, wenn es eigentlich keinen Grund mehr gibt, sich überhaupt zu benehmen.
    
    Beate also.
    
    Beate hatte sich erhängt.
    
    Beate hatte sich erhängt. Oder wie soll man es nennen? Den Strick genommen, das Leben beendet, sich aufgelöst in der Konsequenz, die andere nur denken, aber nicht tun. Sie hatte sich nicht überfahren lassen, nicht aus dem Fenster gestürzt, nicht die Pulsadern aufgeschnitten, nicht, wie Stefan Zweig, die letzte Tablette in der Frühe genommen, der Morgenröte entgegen, sanft, fast literarisch, in Brasilien, in einem anderen Klima, einem anderen Jahrhundert, einer anderen Verzweiflung. Nein. Beate hatte sich gehängt. Einfach so. Nackt, hieß es. Nackt. Warum nackt? Was bedeutet das, wenn man sich nackt aufhängt? Will man rein sein? ...
    ... Oder wollte sie noch einmal ihren Körper zeigen? Ein letztes Mal? Oder war es einfach so, weil sie im Bad war, weil man sich da eben entkleidet, bevor man sich entscheidet?
    
    Und man sagte: im Bad. Und man sagte: der Handtuchhalter. Der elektrische. Der weiße. Mit den Streben. Mit dem Glanz. Mit dem angeschlagenen Thermostat, das immer flackerte, das immer surrte, wie eine Mahnung, wie ein Flüstern. Und ich dachte: Wirklich? Daran? An diesem Ding? Dieses Objekt, das nie warm wurde, wenn man es brauchte, das immer zu heiß war, wenn man es berührte. Daran? Es blieb ja kaum etwas anderes übrig. Kein Balken. Kein Haken. Kein Dachboden. Kein Baum. Nur dieser Halter. Diese Strebe. Diese Stangen, an denen man sonst das Badetuch aufhing, das man nie benutzte.
    
    Und ich sah es vor mir. Wie sie ihn umwickelte. Den Strick. Oder das Seil. Oder das Band, das man nicht finden konnte. Vielleicht war es ein Gürtel. Vielleicht ein Schal. Vielleicht ein Tuch, das noch nach ihr roch. Am ehesten wohl ein Seidentuch. Ein Seidentuch! Verdammt, warum nur Beate - als letzte Botschaft an... als Botschaft an denjenigen, der das zu lesen verstand, das ungeschriebene Wort, das letzte Wort, das nicht am Anfang stand, wie in der Bibel, sondern am Ende wie... hat es Dante verwendet, kennst du die Hölle Dantes nicht, die schrecklichen Terzetten? Wen dort der Dichter eingesperrt, den kann kein Gott mehr retten.
    
    Und ich stellte mir die Haltung vor. Diese Körperhaltung. Die gekrümmte. Die erhobene. Die ...
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