1. Erregung


    Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif

    ... das Glas. Und ich. Und der Verdacht, dass er alles wusste.
    
    Oder aber schlimmer noch - und nun wohl Ende des Spaßes. Der Ungustl und sie? Ungustl und Kassandra? Nein... NEIN, bitte nicht, der Gedanke allein dreht mir den Namen um. Zuerst die Mutter, dann die Tochter - oder wie?
    
    „So ein Mensch darf mich nicht angeredet haben" - sinngemäß oder so ähnlich oder gar wörtlich: wie wahr doch, mein lieber Arthur, Chapeau, das Wort aufs beste getroffen, auch wenn dort der Bäcker gemeint war, egal... Satisfaktion wäre gefordert, aber das ist selbst mir zu antik! Wie froh, dass ich dem Ungustl nur per Augenblick über den Weg gelaufen bin, also... Augen, die geblickt haben und sich gekreuzt, einem Schloss gleich, darin sich Schicksale kreuzen, mein lieber Italo!
    
    Namenlose Tochter?
    
    Sie steht dort, diese Tochter, diese Tochter von Beate, die ich noch im Leib der Mutter gesehen haben könnte, wenn ich gewollt hätte, wenn ich damals gewusst hätte, dass aus dieser Beate, aus dieser stöhnenden, drängenden, immer feuchten Beate, aus dieser Frau, die mich überall wollte, auf dem Teppich, auf dem Kühlschrank, im Auto, im Keller zwischen den Farben, auf der Schultasche ihrer Tochter, während das Kind auf Schulausflug war, dass aus dieser Beate einmal ein Muttertier geworden war, ein Lebewesen, das einen Menschen in sich trug, eine Tochter gebar, die jetzt dort steht, nicht mehr mit Milch im Mund, sondern mit Fragen, mit Blicken, mit Haltung, diese Tochter, die dort steht, mit dem genau ...
    ... richtigen Abstand, nicht zu nahe, dass es unverschämt wäre, nicht zu fern, dass es bedeutungslos wäre, genau richtig, wie Claudia immer sagte: „Der richtige Abstand ist die größte Form von Macht", und sie hat diesen Abstand, sie hat ihn gelernt, oder geerbt, oder abgeschaut, oder er ist ihr eingebrannt, von der Mutter, von Beate, von diesem Wesen, das immer zu viel war, zu laut, zu offen, zu gierig, und jetzt steht dieses Mädchen da, diese junge Frau, mit der gleichen Gier, aber anders, kontrolliert, reflektiert, als hätte man Beate eingefroren, entgiftet, sortiert, und dann neu aufgeweckt, die gleichen Lippen, aber fester, die gleichen Augen, aber kälter, oder klarer, und ich frage mich, wie es sein kann, dass ich sie anschaue, und dabei beides sehe, die Mutter, wie sie keuchte, wie sie sich bog, wie sie mich zwang, ihren Namen zu sagen, immer wieder, wie ein Mantra, ein perverses Gebet - „Beate, Beate, Beate" - während sie mich mit den Fingern in sich zog, mit dem Rücken gegen die Heizung, die heiß war, zu heiß, wie sie selbst, und daneben sehe ich dieses junge Gesicht, glatt, zu glatt, das nicht darum bittet, aber auch nicht wegsieht, das nicht sagt: „Ich weiß", aber auch nicht fragt: „Was war da?", sondern einfach dasteht, steht wie ein Denkmal der Verlegenheit, oder der Versuchung, oder beides.
    
    Und ich weiß, ich darf nicht, nicht denken, nicht schauen, nicht deuten, aber ich tue es, ich tue es wie immer, wie bei Claudia, wie bei Beate, wie bei jeder, ich tue es, weil ...
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