1. Onkel Roberts Tagebuch


    Datum: 13.04.2026, Kategorien: Voyeurismus / Exhibitionismus

    ... Stirn. Über den Krieg hatte ihr Großonkel nie viel gesprochen – wie so viele seiner Generation. Sie wusste nur, dass er 1944 eingezogen und nach Frankreich geschickt worden war. Offenbar hatte er seine Erlebnisse niedergeschrieben.
    
    Gespannt schlug sie das Heft auf. Die Seiten waren in sauberer, altmodischer Handschrift verfasst. Mit etwas Konzentration ließ sich der Text gut lesen.
    
    Mai 1944 – Schule
    
    Unser Lehrer wiederholt zum x-ten Mal die Erzählung vom Endsieg und den Wunderwaffen, die der Führer jetzt gegen den anglo-bolschewistischen Feind einsetzen will. Ich kann schon kaum noch zuhören. Für Mitte Mai ist es ungewöhnlich warm, und meine Gedanken schweifen ab.
    
    Ich denke an die Kameraden aus den höheren Klassen, die inzwischen eingezogen wurden und irgendwo an der Front kämpfen. Besonders begeistert war ich von den Nazis und ihrem Krieg noch nie. Auch meine Eltern – beide katholisch – waren skeptisch, selbst damals, als nach den schnellen Siegen über Frankreich vor vier Jahren im ganzen Städtchen die Begeisterung ausbrach.
    
    Heute ist davon wenig geblieben. Die Stimmung ist umgeschlagen in Resignation und stummen Trotz. Kritik äußert niemand offen; man hört von Verhaftungen. Viele Väter, Brüder und Söhne sind vermisst oder gefallen. Unsere Städte werden fast täglich bombardiert, auch wenn unsere bisher weitgehend verschont blieb.
    
    Ich bin der einzige Sohn meiner Eltern. Das besorgte Gesicht meiner Mutter verrät mir jeden Tag, dass sie befürchtet, auch ihr ...
    ... siebzehnjähriger Junge könne bald den Einberufungsbescheid erhalten.
    
    Das Klingeln der Schulglocke erlöst uns endlich. Auf dem Heimweg spüre ich ein flaues Gefühl im Magen. Zu Hause empfängt mich meine Mutter mit verweinten Augen. Der lange gefürchtete Brief ist eingetroffen. Sie hat ihn bereits geöffnet. Oben prangt der Reichsadler mit Hakenkreuz.
    
    „… am 13. Mai um 8:00 einzufinden …“
    
    Als meine Mutter den Brief in der Hand hielt, zitterten ihre Finger. Sie versuchte, gefasst zu wirken, doch ihre Stimme brach, als sie meinen Namen sagte. Ich wusste nicht, ob ich sie trösten oder selbst in Tränen ausbrechen sollte. Sie schloss mich fest in die Arme, als könne sie mich damit noch festhalten, während mein Vater schweigend danebenstand. Sein Gesicht war hart, wie aus Stein gemeißelt, doch sein Blick verriet mehr Angst, als er jemals zugegeben hätte.
    
    Am Morgen des 13. Mai machte ich mich auf den Weg zur Kaserne. Ich trug den Sonntagsanzug, den meine Mutter mir zurechtgelegt hatte, und fühlte mich darin plötzlich wie ein Fremder. Vor dem Kasernentor standen bereits viele Jungen aus meiner Schule und aus der Umgebung. Die meisten sahen genauso blass aus wie ich; manche versuchten, mit übertriebener Lautstärke ihre Nervosität zu überspielen.
    
    Wir wurden in einen grauen Betonbau geführt, unsere Namen wurden aufgerufen, und schließlich schickte man uns in den Raum zur Musterung.
    
    Dort begann eine Prozedur, die mir noch heute den Magen umdreht.
    
    Wir mussten uns vollständig ...
«1234...14»