1. Onkel Roberts Tagebuch


    Datum: 13.04.2026, Kategorien: Voyeurismus / Exhibitionismus

    ... könne er den Tag nicht richtig in Gang bringen.
    
    „Nach ein bis zwei Stunden wurde das Rattern unruhiger. Der Zug begann, leicht abwärts zu rollen, und schließlich öffnete sich der Blick auf eine große Stadt, deren Gesicht vom Krieg gezeichnet war.‚Stuttgart‘, murmelte jemand.“
    
    Von den Fenstern aus sahen wir Lücken zwischen den Häusern, schwarze Brandmauern, eingestürzte Dächer, Trümmerhaufen, über denen der Rauch vergangener Nächte zu hängen schien. Manche Straßen wirkten wie herausgerissene Nähte in einem Stoff, der nicht mehr zu flicken war.
    
    Der Zug fuhr langsam. Immer wieder bremste er ab, kroch über notdürftig reparierte Gleise, Schotterbetten mit Lücken, provisorische Brücken. Einmal standen wir minutenlang fast still, und nur das tiefe Brummen der Lok hielt uns davon ab zu glauben, wir seien ganz zum Halt gekommen.
    
    Dann ruckte der Wagen wieder an. Die Gespräche verstummten endgültig. Jeder wusste: Diese Langsamfahrstellen bedeuteten, dass der Krieg nicht nur an der Front tobte, sondern auch hier, direkt unter unseren Füßen.
    
    Gegen Nachmittag schließlich rief jemand: „Rastatt!“
    
    Der Ruf hallte wie ein Befehl.
    
    Die Türen wurden geöffnet, und wir mussten aussteigen. Der Bahnsteig war voller Bewegung: Soldaten, Sanitätspersonal, ein paar Frauen mit Körben, die hastig über die Gleise liefen. Die Luft roch nach Kohle und feuchtem Holz.
    
    „Umsteigen!“ rief ein Unteroffizier.
    
    Wir wurden in einen anderen Zug getrieben, dunkle Wagen, die aussahen, als ...
    ... hätten sie zu viele Jahre und zu viele Transporte hinter sich. Der Zug fuhr nur wenige Minuten später an. Eine Weile ratterten wir durch flaches Land, über Wiesen und Felder, bevor das Geräusch der Räder plötzlich anders wurde – ein metallisches Echo, vibrierend, fast drohend.
    
    Wir waren auf einer Brücke.
    
    Durch das vergitterte Fenster sah ich Wasser – breit, grau, mächtig. Der Rhein.
    
    Die Konstruktion, über die wir fuhren, wirkte endlos. Niemand im Abteil kannte ihren Namen. Für mich war sie nur ein Übergang – ein Tor, nach dem es kein Zurück mehr gab.
    
    Kurz darauf hielten wir. Ein Schild huschte am Fenster vorbei:
    
    Schweighausen
    
    .
    
    Wir stiegen aus. Der Bahnsteig war schlicht, der Ort still. Dann kam der Befehl zum Marsch. Unsere Stiefel knirschten auf dem Kies, und der Weg führte durch den kleinen Ort, an Gärten vorbei, in denen Menschen uns wortlos beobachteten.
    
    Nach einiger Zeit tauchten graue, flache Gebäude auf. Ein Teil wirkte neu, ein Teil alt und fremd, mit verblasster Schrift, die verriet, dass diese Anlage einst französisch gewesen war. Nun aber hing die Reichskriegsflagge schwer und trostlos über dem Tor.
    
    Im Innenhof hallte das Gebrüll eines Offiziers wie ein Donnerschlag.
    
    In diesem Moment wusste ich: Der Abschnitt meines Lebens, den ich kannte, war ab hier zu Ende.
    
    Der Feldwebel brüllte unsere Namen, wir stiegen ein, packten uns dicht an dicht in die Abteile und warteten auf das, was kommen würde.
    
    Als der Zug sich ruckelnd in Bewegung ...
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