1. Anna -Teil drei- das Büro


    Datum: 30.04.2026, Kategorien: Schamsituation

    ... nach altem Leder, Bohnerwachs und dem dezenten, teuren Parfüm, das alle meine Kolleginnen zu benutzen schienen. Das Foyer war eine Kathedrale aus dunklem Mahagoni, gedämpftem Licht und dicken Perserteppichen, die das Klicken meiner Absätze zu einem leisen, respektvollen Klopfen dämpften. Hier herrschte eine fast klösterliche Stille, nur unterbrochen vom leisen Summen der Klimaanlage und dem entfernten, rhythmischen Klackern von Tastaturen, die mit der Präzision von Schreibmaschinen bedient wurden.
    
    Ich ging durch das Großraumbüro des Sekretariats, und sofort spürte ich die Blicke. Es war ein unsichtbares, aber spürbares Netz aus taxierenden Augen. Meine Kolleginnen, eine Phalanx aus perfekt gestylten Frauen zwischen Mitte dreißig und Ende fünfzig, saßen aufrecht an ihren wuchtigen Schreibtischen. Jede einzelne war ein Kunstwerk der Konformität, gekleidet nach dem ungeschriebenen, aber eisernen Gesetz der Kanzlei. Enge, knielange Röcke in Grau-, Schwarz- oder Marinetönen. Dünne Seidenblusen, hochgeschlossen und züchtig. Und an den Beinen aller Frauen die verräterische, dunkle Naht der echten Nylons, die sich über schlanke, gepflegte Waden zog. Sie waren alle schlank, alle tadellos gepflegt, ihre Frisuren saßen perfekt, ihr Make-up war makellos. Doch unter der Oberfläche dieser Uniformität brodelte es. In den Blicken der älteren Frauen, deren Haut nicht mehr ganz so straff war und deren Augenringe sich nicht mehr so leicht überschminken ließen, lag ein Hauch von Gift. Ein ...
    ... missgünstiges Flimmern, das mir und Nina galt, den Jüngsten im Team.
    
    "Guten Morgen, Anna! Hattest du ein schönes Wochenende?", trällerte eine fröhliche Stimme. Ich drehte mich um und lächelte. Nina. Sie war ein Sonnenstrahl in diesem ehrwürdigen, leicht verstaubten Mausoleum. Groß, blond, mit einer üppigen Oberweite, die die dünne Seide ihrer Bluse auf eine Weise spannte, die bei den älteren Kolleginnen regelmäßig zu missbilligendem Schnauben führte. Ihre Leidenschaft für den Rockabilly- und Pin-Up-Stil der 50er und 60er Jahre war der eigentliche Grund, warum sie hier war. Als sie die Stellenanzeige und die Bilder der Kanzlei gesehen hatte, hatte sie sich sofort verliebt – in die Kleidung, die für sie keine strenge Uniform, sondern gelebte Nostalgie war. Sie liebte es, mit ihrem Freund Max in seinem alten Mustang Cabrio zu Treffen zu fahren, und brachte ein wenig von diesem rebellischen Geist mit ins Büro, etwa in Form der vier kleinen Perlenohrringe, die sich an jedem ihrer Ohrläppchen aufreihten.
    
    Als wir uns später am Kaffeeautomaten trafen und für einen Moment unbeobachtet waren, seufzte sie. "Manchmal wünschte ich, ich könnte mir einfach ein kleines Nasenpiercing stechen lassen. Nur einen winzigen Stecker. Aber Frau Stefanie würde wahrscheinlich einen Anfall bekommen." Ich sah mich kurz um. Die Luft war rein. "Schau mal", flüsterte ich und zog mit dem Daumen meine Oberlippe leicht nach unten. Mit dem Zeigefinger der anderen Hand klappte ich den kleinen, silbernen Ring ...