1. Demonstration


    Datum: 05.06.2026, Kategorien: Schamsituation

    ... gewesen ist“, sagte er, „bedanke ich mich für den anregenden Moment. Falls es keine Absicht war, würde ich dir empfehlen, ein bisschen besser aufzupassen.“
    
    Er lächelte wieder, aber mir fiel einfach keine Erwiderung ein.
    
    „Auf jeden Fall wünsche ich dir noch viel Spaß“, fügte er hinzu. „Was immer du auch vorhast.“
    
    Er nahm einen anderen Treppenaufgang und verschwand.
    
    Ich spürte, dass ich knallrot geworden war und musste erst einmal durchatmen. Dann verließ ich die Station und beschäftigte mich mit der Frage, wie ich jetzt weiterkommen sollte. Ein wenig Getupfe auf meinem Smartphone führte dazu, dass ich einen gelben Doppeldeckerbus bestieg, der früher oder später ganz in der Nähe von Tobis Wohnung vorbeikommen würde. Hier saß mir immerhin niemand gegenüber, das minimierte schon mal das Risiko, erneut Einblicke zu gewähren, die ich lieber vermieden hätte.
    
    In Berlin ist nicht auf vieles Verlass, aber dass es mindestens einmal am Tag irgendwo eine Demo gibt, darauf kann man bauen.
    
    „Da vorne jeht’s nich weiter“, sprach der Fahrer in sein Mikrofon. „Da is ma wieder ’ne Demo. Wennse wollen, könnse hier aussteigen.“
    
    Ich verdrehte die Augen und stieg aus. Vom Öffentlichen Personennahverkehr hatte ich für diesen Tag genug. Von hier aus war es nicht mehr allzu weit bis zu Tobis Wohnung, und ich beschloss zu laufen. Das würde etwa eine Viertelstunde in Anspruch nehmen und war die schnellste Möglichkeit.
    
    Während ich ging, gab ich mich erneut meinen Träumereien hin, ...
    ... die die zu erwartenden Geschehnisse betrafen, nachdem ich Tobis Wohnung betreten hatte. So entging mir, dass ich an der nächsten großen Kreuzung unversehens zwischen die Fronten geriet. Als ich aufsah, befanden sich rechts von mir die Demonstranten, ausgerüstet mit Transparenten, selbstgemalten Schildern und einer gehörigen Portion Hass auf die Polizei. Wofür oder wogegen sie demonstrierten, war mir nicht klar, und es war mir auch egal, wenn ich ehrlich war.
    
    Links von mir befanden sich hektisches Blaulicht, diverse Einsatzfahrzeuge und haufenweise Polizisten in voller Montur. Ich weiß nicht, wie mir das alles entgehen konnte, denn die ganze Szenerie wurde begleitet von lautem Gebrüll und Martinshörnern. Aber anderseits wird in Berlin ständig irgendwo gebrüllt, und auch das Geräusch von Martinshörnern ist allgegenwärtig.
    
    Ich blieb stehen und versuchte mich an einer kurzen Analyse der Lage. Eine ganze Reihe von Polizisten mit Glasschilden kam zügig in meine Richtung und war gar nicht mehr weit entfernt. Parallel dazu hatten die Demonstranten damit begonnen, die Ordnungsmacht mit Gegenständen zu bewerfen, mit Steinen und Flaschen.
    
    Das Ergebnis meiner Einschätzung war: Nichts wie weg hier! Ich rannte los. Im Nachhinein wäre es cleverer gewesen, in die Richtung zu rennen, aus der ich gekommen war. Aber ich wollte ja zu Tobi.
    
    „He, du, mit dem bunten Rock!“, hörte ich plötzlich eine Stimme hinter mir brüllen. „Sofort stehenbleiben!“
    
    Es war mir augenblicklich klar, dass ...
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