1. Quarantäne in Kapstadt


    Datum: 17.04.2020, Kategorien: 1 auf 1,

    ... Berührung, sondern um die Gefühle dahinter."
    
    "Was für Gefühle wären das? Wären sie andere als bisher?"
    
    Überrascht schaut sie mich an.
    
    "Ich weiß es nicht. Was, wenn wir unsere Freundschaft kaputtmachen?"
    
    "Was, wenn ihr diese bereichert?"
    
    Marie versteht nicht, also erkläre ich: "Schon mal was vom Modewort Freundschaft plus gehört? Vielleicht steckt mehr dahinter, als man auf Anhieb vermutet."
    
    "Ich kann es nicht. Ich kann nicht einfach zu ihr hin und..."
    
    "Was, wenn Beatrice sich danach auch sehnt?", unterbreche ich sie. "Was, wen sie vor dir steht und den ersten Schritt macht? Was wäre deine Reaktion als ihre lebenslange Freundin?"
    
    Keine Antwort, nur große Augen.
    
    "Würdest du sie abweisen?"
    
    Marie schüttelt den Kopf. Das Verhör ist damit beendet, ich habe die Antworten erhalten, die ich haben wollte, und mache mich auf die Suche nach Beatrice.
    
    In ihrem Zimmer ist sie nicht, unten auch nicht. Sie versteckt sich. Erschrocken blickt sie auf, als ich die Tür zum dritten Gästezimmer in der oberen Etage öffne. Sie sitzt auf dem Bett, hat ein Handtuch umgewickelt und... Ja, was macht sie denn eigentlich? Egal, ich frage nicht. Ich setze mich neben sie und sage vorerst nichts. Die Stille dauert nur kurz.
    
    "Das war... ich kann es gar nicht beschreiben. Wozu habe ich mich bloß hinreißen lassen?"
    
    Ich sage noch immer nichts.
    
    Sie blickt mich an: "Ich bin sauer auf dich."
    
    Ja, eine Schuldzuweisung habe ich erwartet, obwohl wir beide wissen, dass diese ...
    ... lächerlich ist.
    
    Mit hochgezogener Augenbraue wundere ich mich dementsprechend: "Auf mich?"
    
    Die Rückfrage wirkt und sie besinnt sich.
    
    "Ich glaube, wenn du zu ihr hinübergehen würdest, dann..."
    
    Sie grätscht dazwischen: "Nein, auf keinen Fall. Ich wüsste gar nicht, was ich ihr sagen sollte."
    
    "Willst du dich dann für die nächsten drei Tage hier verkriechen?"
    
    "Ich traue mich nicht", sagt sie leise.
    
    "Ich habe aber vorhin mit Marie gesprochen und ich glaube, sie ist dem Thema nicht abgeneigt. Du müsstest nur auf sie zugehen."
    
    "Nein, ich könnte ihr nicht in die Augen sehen, ich würde vor Scham im Erdboden versinken."
    
    Einerseits tut sie mir etwas leid, andererseits ist diese mädchenhafte Verlegenheit süß. Die Sehnsucht brodelt in ihr, doch Mut hat sie nicht genug. Da kommt mir eine blöde, aber triviale Idee...
    
    Beatrices Blick zeugt von Hoffnung und Angst zugleich. Ich könnte vielleicht noch eine Weile argumentieren und auf sie zureden, bis sie genügend Mut sammelt, um selbstständig mit Marie zu reden. Doch glaube ich, dass Beatrice in diesem Moment eher meine Entschiedenheit braucht, um sie über dieses Hindernis hinüberzuführen.
    
    "Komm mit!", führe ich sie in ihr Zimmer zurück.
    
    Dort angekommen, schaue ich mich um. Eine Frau in ihrem Alter nimmt auf eine Reise immer einen Schal mit. Da hängt auch einer an der Schranktür.
    
    "Was hast du vor?"
    
    "Wenn du ihr nicht in die Augen sehen kannst, dann verbinden wir sie einfach."
    
    Sie hat keine Gelegenheit ...
«12...474849...66»