1. Quarantäne in Kapstadt


    Datum: 17.04.2020, Kategorien: 1 auf 1,

    ... Sex-Püppchen sein."
    
    "Du auch?", kontere ich mit einer provokativen Frage.
    
    Es würde auf der Hand liegen, wenn sie -- ihren weiblichen Stolz schützend -- mit einem klaren Nein zurückschlägt. Zugleich wäre es gelogen, dies wissen wir beide. Sie bleibt cool und lässt die Antwort aus.
    
    "So ein Neuanfang hilft bei der Neuorientierung. Man fühlt sich irgendwie gezwungen, die Welt neu zu bewerten. Man kommt unweigerlich zur Schlussfolgerung, dass man sich weniger zurückhalten und das Leben in vollen Zügen genießen sollte."
    
    Sie dreht sich mir zu und lehnt lässig am Fensterrahmen.
    
    "Der letzte Sex, den ich hatte, war mit dir, vor über zwei Monaten in Maries Ferienhaus. Es verging kein Tag, an dem ich nicht daran gedacht habe. Beim Packen unserer Koffer, bei der Therapie, selbst an dem Tag, als wir zu seiner dringenden OP hier ins Krankenhaus kamen und er es sich im Zimmer zurechtgemacht hat. Ich kenne jetzt auch den Grund! Nicht, weil es ein himmlisch guter Sex war, sondern weil ich befreit war. Ich war in einer 'alles egal' Stimmung, ich wollte es nochmals ohne Einschränkung, ohne Scham, ohne Konventionen einfach nur krachen lassen. Diese Stimmung ist nun mein Lebensziel."
    
    Sie blickt grübelnd zu Boden.
    
    "Was hast du vor?", bin ich neugierig.
    
    "Ich weiß, es hört sich vielleicht lächerlich an, aber im Grunde will ich nur das Leben genießen und das tun, was ich will. Unbeeinflusst. Mein Mann hatte viel Geld beiseitegelegt, die Lebensversicherungen greifen auch noch. ...
    ... Ich glaube, ich müsste gar nicht mehr arbeiten, jeder Tag könnte ein Sonntag sein."
    
    "Abgesehen davon, dass ich etwas neidisch bin, freue ich mich für dich!"
    
    "Ich muss dir eine Frage stellen, auch auf die Gefahr hin, dass du sauer sein wirst oder beleidigt oder mich auslachst. Denn würde ich sie nicht stellen, würde ich es bestimmt ein Leben lang bereuen, mich nicht getraut zu haben."
    
    Beatrice wird still.
    
    "Ich bin ganz Ohr", erkläre ich und habe eine Vorahnung.
    
    Sie räuspert sich.
    
    "Würdest du mit mir mitkommen und jeden Tag einen Sonntag sein lassen?"
    
    Ich versuche ihre Frage nicht zu belächeln, wobei sich meine Vorahnung bewahrheitet hat.
    
    "Deine Einladung ist sehr schmeichelhaft. Ich habe andere Verpflichtungen. Es tut mir leid."
    
    Mit lachender Ironie nimmt sie meine Ablehnung zur Kenntnis: "Natürlich! Was habe ich mir dabei nur gedacht! Ist doch klar."
    
    "Du hast meine Hochachtung dafür, dass du sie gestellt hast!", beschwichtige ich sie.
    
    Es wirkt, sie blickt mich mit traurigen Augen an.
    
    "Ich sehe es so: Unsere Lebenspfade haben sich vor einem Jahr gekreuzt, seitdem sind sie ineinander verhakt. Es ist eine Periode, in der wir einander in einer gewissen Weise benötigen. Sie hält aber nicht für immer. Dein Pfad hat in den letzten Wochen eine andere Richtung eingeschlagen und entfernt sich immer mehr, weil du jetzt eine neue Perspektive hast. Du siehst die Welt anders, du wirst anders handeln und anders leben. Bald wird die Distanz viel zu groß ...
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