1. Römische Fesseln 01


    Datum: 13.04.2022, Kategorien: Nicht festgelegt,

    ... schlenderst gemütlich durch alte Häuser und wir dürfen in der Mittagssonne braten? Und das alles noch bei langweiligem Gerede!
    
    Meine Hoffnung, dass sie es schnell wieder endete, schmolz unter der Hitze sprichwörtlich dahin. Uns lief der Schweiß mittlerweile am ganzen Körper hinunter. Gerade als unser Führer eine weiter Anekdote erzählen wollte, bemerkte er unsere Lage:
    
    „Wie wäre es, wenn wir im Schatten warten würden? Euch muss ganz schön heiß sein. Entschuldigt bitte. Ich vergesse immer wieder, wie wenig Touristen unsere Temperaturen gewöhnt sind. Ich kenne aber für euch den perfekten Platz zum Ausruhen!"
    
    Damit setzte er sich in Bewegung und schleifte uns die hölzernen Stufen des Podestes hinauf. Oben angekommen standen wir tatsächlich an einem der nur noch wenigen schattigen Plätze. Unsere Anwesenheit auf einem Podest erregte sofort die Aufmerksamkeit aller restlicher Besucher, die sich nun Stück für Stück um uns einfanden. Der Anblick der Menge wühlte mich sofort wieder auf. Doch etwas war merkwürdig. Ich fühlte keine Angst! Ich erhob mich regelrecht über ihre Köpfe, während sie sich um meine Füße versammelten. Erstaunlich, was eine Änderung der Perspektive in mir auslöste. Ich konnte von der Bühne den gesamten Markt sehen. Einschließlich des Standes, vor dem ich beinahe meine Freiheit verloren hatte. Den Passanten, die nicht mal vor einer Stunde über meiner Hilflosigkeit gejohlt hatten, könnte ich nun auf die Köpfe spucken. Ich fühlte mich geradezu mächtig! ...
    ... Während sich in mir ein geradezu euphorisches Gefühl ausbreitete, bemerkte ich nicht mal meinen Selbstbetrug. Die hölzerne Plattform, auf der ich mich befand, stand vielleicht einen Meter über dem Boden. Das war nicht besonders hoch. Auch hatte ich ganz vergessen, welche Erscheinung ICH auf die Menge machen musste. Gegenüber einer sichtlich erregten Frau in Ketten, fühlte sich niemand unterlegen.
    
    Meine Gedanken wurden durch einen Ruck an der Kette unterbrochen, als das kurze Stück zwischen den Halsreifen nach oben gezogen wurde und meinen Kopf fast mit Nette zusammenstießen ließ. Unser Führer hatte uns einfach hoch genug an den Pfahl eingehakt, dass Nette auf ihren Zehenspitzen tippeln musste. Ich dagegen konnte auf die hohen Absätze meiner Sandalen froh sein. Ansonsten müsste ich mich jetzt ebenfalls so lang wie möglich machen. Das war aber das einzige Gute daran, denn unsere dumpfen Proteste wurden nur mit Lachen und einem Klaps auf den Hintern quittiert.
    
    Mir wurde bewusst, was auch immer unser Führer vorhatte, unsere Meinung spielte wieder keine Rolle. Wir würden seine Spielchen ertragen müssen. Seltsamerweise regte mich dieser Gedanke nicht mehr auf. Er beruhigte mich sogar: ich war hilflos. Das hatte sich seit dem Beginn der Führung nicht geändert. Und war das so schlimm? Ich war nach Rom gekommen, um mal richtig was zu erleben. Und hier oben zu stehen gab mir insgeheim einen gehörigen Kick. Wie beim Bungee-Jumping! Ich musste mich nur noch fallen lassen und ...