1. Verenas Anfang


    Datum: 08.04.2026, Kategorien: Erotische Vereinigung,

    ... und „erstmal alle Fakten sammeln".
    
    Er hat keine Hand auf meiner Hüfte. Kein Gewicht in meinem Rücken. Kein Zwang in seinem Blick. Ich glaube, er weiß nicht mal, was geschehen ist. Noch nicht.
    
    Ich sollte erleichtert sein.
    
    Aber nachts liege ich wach.
    
    Spüre ihn. Wieder. Immer wieder.
    
    Und ich frage mich:
    
    Was stimmt eigentlich nicht mit mir, wenn ich den vermisse, der mich missbraucht hat?
    
    Epilog: Der Blick zurück
    
    Man hat mir nie offiziell die Schuld gegeben.
    
    Aber ich spürte sie. Überall.
    
    In den Pausenräumen. In den Mienen der Kollegen.
    
    In den Blicken, die zu schnell weggingen, wenn ich den Raum betrat.
    
    Ich blieb -- aber ich war nie wieder dieselbe.
    
    Er ging. Spurlos fast.
    
    Keine Verabschiedung. Kein Blick zurück. Kein „Tut mir leid".
    
    Nur eine freigeräumte Schublade und ein letzter flüchtiger Abdruck seines Duftes im Türrahmen.
    
    Ich dachte oft, das sei der schlimmste Teil.
    
    War es nicht.
    
    Der schlimmste Teil war, dass ich ihn trotzdem vermisste.
    
    Nicht ihn als Mann.
    
    Sondern die Rolle, die ich in seiner Nähe spielen durfte. Die heimliche, begehrte, wertvolle.
    
    Die, für die jemand sein Risiko kalkulierte.
    
    Die, die sich selbst etwas bedeutete -- zumindest in seinen Augen.
    
    Ich wollte das Gefühl zurück, nicht den Menschen.
    
    Ein paar Monate später fand ich heraus, dass seine Frau ihn verlassen hatte.
    
    Zwei Kinder, ein Reihenhaus, eine aufgerissene Lebensplanung -- alles geplatzt.
    
    Ich gab seinen Namen ...
    ... bei Google ein.
    
    Es war spät, ich war betrunken.
    
    Ich klickte mich durch soziale Medien, durch alte Pressemitteilungen, durch ein Interview, das er mal für irgendein Regionalblatt gegeben hatte.
    
    Sein Gesicht war kantiger geworden.
    
    Müder.
    
    Immer noch attraktiv -- aber weniger unverwundbar.
    
    Ich fand ein altes Bild von uns auf meinem Rechner.
    
    Jahre zuvor, Sommerfest. Ich stand hinter ihm. Sein Arm lag auf meiner Schulter.
    
    Unauffällig. Und doch zu lang, zu beiläufig.
    
    Ich sah mein jüngeres Ich an -- blass, flach, zu leger gekleidet, wie immer.
    
    Mit diesem Blick, der so tut, als gehöre er dahin.
    
    Und doch schrie alles an ihr: Ich hoffe, du siehst mich. Nur du.
    
    Ich überlegte, ihm zu schreiben.
    
    Ich schrieb sogar einen Entwurf.
    
    Zwei Sätze.
    
    "Ich habe dich nie vergessen. Manchmal frage ich mich, ob du das wusstest."
    
    Ich speicherte ihn.
    
    Ich schickte ihn nie ab.
    
    Weil ich wusste: Wenn ich zurückgehe, verliere ich wieder.
    
    Mich. Meine Haut. Meine Sprache. Meine Kontrolle.
    
    Und trotzdem -- an manchen Tagen, wenn es regnet und mein Kopf zu laut ist -- rufe ich mir sein Gesicht ins Gedächtnis.
    
    Nicht aus Sehnsucht.
    
    Aus Reiz.
    
    Aus diesem schmutzigen Rest von Macht, den ich nie ganz losgeworden bin.
    
    Vielleicht ist das das Bitterste an der Geschichte:
    
    Nicht, dass er mich ausgenutzt hat.
    
    Sondern dass ich es zugelassen habe -- und es ein Teil von mir wurde, den ich heimlich immer wieder streichle, wenn ich allein bin. 
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